Reden. Streiten. Forschen.

Algorithmische Kuratierung, Filterblasen, Sogwirkung von Social Media — ( k)ein Thema akademischer Bildung?

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Reden. Streiten. Forschen.

Am 14.04.2026 fand die dritte Ausgabe des Diskussionsformats "Reden. Streiten. Forschen." des ZWEK statt. Diesmal lag der Schwerpunkt auf der Problematik von Filterblasen und der Beeinflussung der öffentlichen Meinungsbildung durch Algorithmen.

Begonnen wurde der Austausch nach einer kurzen theoretischen Einführung mit der Schilderung eines studentischen Selbstversuchs für eine wissenschaftliche Arbeit. Hierfür hat die Studentin mehrere unterschiedliche Personae erstellt und mit diesen auf Social-Media-Plattformen agiert, indem sie spezifische Beiträge, die zur jeweiligen Persona passten, betrachtet und geliked hat. Alle Personae wurden dadurch sehr schnell in bestimmte Filterblasen gezogen. Besonders auffällig war, dass eine als "Trump-Befürworter" gestaltete Persona allein durch das Verfolgen entsprechender Posts sehr schnell immer mehr rechten und rechtsradikalen Content angezeigt bekam und durch diesen in kurzer Zeit hätte radikalisiert werden können. Unterstützt wurde diese Radikalisierung durch sogenanntes "Ragebaiting", eine Social-Media-Strategie, um Wut und Empörung hervorzurufen.

In der anschließenden Diskussion wurden die Erfahrungen von Filterblasen allseits bestätigt. Bei einigen Anwesenden haben diese Erfahrungen in der Vergangenheit bereits dazu geführt, sich gegen eine Präsenz auf Social-Media-Plattformen zu entscheiden, andere stellten den Nutzen heraus, den diese dennoch haben können. So sei Social Media für die HSD als Institution ein wichtiges Kommunikationsinstrument und in diesem Zusammenhang gerade auch der Algorithmus durchaus sinnvoll, um beispielsweise Alumni mit der Hochschule in Kontakt zu halten. Hochschulen und wissenschaftliche Projekte nutzen Social Media, um mehr Reichweite zu erzielen. Dabei gibt es derzeit keine ernsthafte Möglichkeit, sich den großen amerikanischen oder chinesischen Plattformen zu entziehen. So fehlt beispielsweise bei der deutschen Twitter-Alternative Mastodon die Kuratierung durch einen Algorithmus, was dazu führt, dass die "Öffentlichkeit", also die Reichweite, die sich über die algorithmische Kuratierung einstellt, völlig wegfällt.

Auch über die Sogwirkung von Social Media wurde ausführlich diskutiert. Diese scheint bei den meisten Nutzenden automatisch zu funktionieren. Der Algorithmus bietet immer weiteren Content zu zuvor betrachteten Themen an, der schnell und leicht konsumierbar ist. Viele der Anwesenden bestätigten, Situationen zu kennen, in denen man nur mal eben auf eine Social-Media-Plattform schauen wollte und dort dann viel mehr Zeit als geplant verbracht hat. Bildung und Aufklärung scheinen davor nur bedingt zu schützen: "Man weiß um die Gefahren, aber nutzt es trotzdem." Der Vorschlag eines Teilnehmers, den Content zu bewerten und so durch eine Art Qualitätsprüfung festzustellen, ob die damit verbrachte Zeit sinnvoll genutzt sei, wurde schnell entkräftet. Da Content auf Social Media immer kuratiert sei, sei seine Einordnung schwierig und man solle sich nicht zu sicher sein, alles beurteilen zu können.

Zuletzt wurde der Nutzen von Social-Media-Plattformen jenseits von Reichweite besprochen. So könnten etwa Kommunen die Informationen in entsprechenden lokalen Gruppen nutzen, um zu erfahren, wie die Stimmung in der Bevölkerung ist und was gerade interessiert und passiert. Dies könnte von ihnen aufgegriffen und genutzt werden, um ihrerseits transparent über Pläne aus dem Rathaus zu informieren. In der Regel scheint dieser Vorteil aber heute zumindest im Bereich der öffentlichen Verwaltung noch nicht genutzt zu werden.

Ob jemand Social Media nutzt, ist und bleibt eine persönliche Entscheidung bzw. im Fall von Hochschulen oder Forschungsprojekten der jeweiligen Institution. Einiges spricht für eine Nutzung, anderes dagegen. Aufgabe von Bildung und Forschung muss es in diesem Zusammenhang sein, aufzudecken, aufzuklären und zu sensibilisieren.