Ziel der Veranstaltung war es, Machtstrukturen im Hochschulkontext sichtbar zu machen, ihre Auswirkungen zu reflektieren und gemeinsam Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.
Der Tag begann mit einem Einführungsvortrag der hochschulübergreifenden Rechtsberatungsstelle zu Machtmissbrauch an Hochschulen. Jana Goebel zeigte auf, dass der Missbrauch von Macht zwar grundlegende Rechte von Studierenden und Beschäftigten verletzt, die Durchsetzungsmöglichkeiten dieser Rechte allerdings an ihre Grenzen stoßen. Verbesserungen zeichnen sich durch die Novellierung des Hochschulgesetzes ab. Gerade in einer Situation mit eingeschränkten juristischen Handlungsoptionen erscheinen präventive Ansätze, die auf Veränderung der Hochschulkultur abzielen sowie niedrigschwellige Konfliktbearbeitungsmöglichkeiten als umso wichtiger.
In den anschließenden Workshops wurde das Thema aus verschiedenen Perspektiven vertieft – von der Lehre über Wissenschaft und Forschung bis zur Verwaltung.
Machtstrukturen im Hochschulalltag bewusst machen – warum das wichtig ist
Machtverhältnisse prägen den Hochschulalltag in vielerlei Hinsicht – häufig subtil und nicht immer offensichtlich. Sie zeigen sich in Abhängigkeitsverhältnissen, in Bewertungs- und Entscheidungssituationen oder in Rollenverständnissen von Lehrenden und Studierenden.
Der Fachtag bot Raum, diese Strukturen genauer zu betrachten und ihre Wirkung zu reflektieren. Deutlich wurde dabei, dass ein bewusster Umgang mit Macht nicht nur dem Schutz vor Machtmissbrauch dient, sondern auch die Grundlage für gelingende Zusammenarbeit, Vertrauen und eine offene Lernkultur bildet.
Was Beziehungsgestaltung in der Lehre bewirken kann
Ein besonders eindrücklicher Perspektivwechsel eröffnete sich den Teilnehmenden des Workshops zur machtsensiblen Hochschullehre. Zu Beginn hatten die Teilnehmenden in einer Übung Gelegenheit, sich die strukturellen Möglichkeiten, Ressourcen, Privilegien und Formen von Einfluss bewusst zu machen, über die sie als Lehrende verfügen – und die Studierenden nicht in gleicher Weise.
Sich in die studentische Sicht hineinzuversetzen, half dabei, die Wirkung von Macht im Lehr-Lern-Kontext besser zu verstehen, insbesondere, wie sich solche Machteffekte auf Lernprozesse, das Selbstverständnis von Studierenden und ihre Beteiligung im Unterricht auswirken.
Zentral war dabei die Frage nach psychologischer Sicherheit:
Damit Studierende selbstbestimmt lernen können, müssen sie sich eingeladen fühlen, Fragen zu stellen, Unsicherheiten zu äußern oder auch Kritik zu formulieren – ohne Sorge vor negativen Konsequenzen. Nur in einem solchen Umfeld können sich Neugier, Kreativität und kritisches Denken entwickeln.
Die Teilnehmenden erhielten konkrete Impulse und Materialien für die eigene Lehre. Im Fokus standen dabei unter anderem sogenannte Dehierarchisierungspraktiken, die Lehrende dabei unterstützen, Lehre bewusster so zu gestalten, sodass Lehrende eher als Gastgeber*innen denn als Gatekeeper wahrgenommen werden. Auf diese Weise lassen sich tragfähige, vertrauensvolle Beziehungen zu Studierenden aufbauen.
Macht, Ohnmacht und Verantwortung von Führungskräften
Führungskräfte verfügen bereits durch ihre Rolle über Macht und es wird erwartet, dass sie diese im Sinne der Hochschule einsetzen. Der Grat zum Machtmissbrauch kann dabei schmal sein.
Der Workshop setzte daher einen Schwerpunkt darauf, Machtmechanismen bewusst zu machen und gemeinsam zu reflektieren, wo Grenzen zum Machtmissbrauch überschritten werden.
Im zweiten Teil bot sich Raum für Austausch. Dabei wurde deutlich, dass Führungskräfte häufig auch Situationen erleben, in denen sie sich ohnmächtig fühlen. Dies kann etwa in der Rolle als „Sandwich-Führungskraft“ entstehen oder dann, wenn Mitarbeitende ihre eigene Handlungsmacht gegenüber der Führungskraft einsetzen – und ggf. missbrauchen.
Der Workshop hat eindrücklich gezeigt, wie wichtig es in jeder Position ist, sich der eigenen Macht bewusst zu sein und deren fairen Gebrauch regelmäßig zu überprüfen.
Eine Leerstelle wirft Fragen auf
Eine unerwartete und zugleich irritierende Erfahrung zeigte sich bei der studentischen Beteiligung: Trotz eines bewusst niedrigschwelligen digitalen Angebots nahm keine einzige studentische Person am Workshop „Machtlos?! – Machtmissbrauch aus studentischer Perspektive begegnen“ teil.
Das Format war online, zeitlich kompakt und ohne Anmeldung zugänglich. Geleitet wurde der Workshop von zwei Master Studierenden, die einen geschützten Raum für Austausch schaffen wollten. Dennoch blieb die Perspektive dieser zentralen Statusgruppe an diesem Tag aus, da niemand von den Studierenden unserer Hochschule an dem Workshop teilnahm.
Im Graphic Recording, das die Eindrücke des Tages in eine bildhafte Sprache überführte, wurde diese Leerstelle zugespitzt als: „ca. 11.000 Studierende – NULL Perspektiven“.
Diese Beobachtung wirft Fragen auf:
Welche Gründe gibt es für die ausgebliebene Beteiligung? Welche Hürden bestehen möglicherweise auch bei scheinbar niedrigschwelligen Angeboten? Und wie können zukünftige Formate gestaltet werden, um studentische Perspektiven besser einzubeziehen?
Ein Tag auf einen Blick
Die vielfältigen Eindrücke und Ergebnisse des Fachtags wurden am Ende von Kerstin Diekamp in dem Graphic Recording zusammengeführt. Die Visualisierung machte deutlich, wie unterschiedlich Macht und Machtmissbrauch im Hochschulkontext wahrgenommen und erlebt werden:
- in der Lehre als Frage von Beziehungsgestaltung und Beteiligung
- in Wissenschaft und Forschung im Kontext von Abhängigkeiten und Arbeitsbedingungen
- in Technik und Verwaltung als Herausforderung für konkretes Handeln
- in Führungsrollen im Spannungsfeld von Einfluss und Verantwortung
Zugleich wurde sichtbar, dass Machtstrukturen oft unsichtbar wirken – und gerade deshalb bewusst reflektiert werden müssen.
Das Graphic Recording bot nicht nur eine Zusammenfassung präsentierter Inhalte, sondern auch den Ausgangspunkt für das Podiumsgespräch, das in der Abschlussveranstaltung von Dr. Lisa Mense moderiert wurde.
Zwischen Erkenntnis und Veränderung
Die Impulse des Fachtags wirken über den Veranstaltungstag hinaus. Die Austauschformate wurden von allen Statusgruppen als bereichernd erlebt. Am Ende des Podiumsgesprächs stand unter anderem der Appell für einen machtkritischen Umgang mit Studierenden und der deutliche Wunsch nach mehr Austausch sowie Klarheit im begrifflichen Verständnis.
Für die Hochschule ergibt sich daraus die Aufgabe, Dialogräume zu öffnen und Unterstützungsangebote sichtbar zu machen.
Die Aufzeichnung des Einführungsvortrags der Rechtsberatungsstelle sowie das Programm der Veranstaltung vom 11.06.2026 kann hier eingesehen werden:https://www.hs-duesseldorf.de/hochschule/verwaltung/diversity/antidiskriminierung/Seiten/fachtagmachtmissbrauch.aspx